Die Szene reagiert abstoßend.
Man will uns alles wegnehmen. Nirgendwo dürfen wir uns frei entfalten. Es ist doch nur ein Hobby. Man müsste all den Sonntagsfahrern den Führerschein nehmen.
Das sind die überwiegenden Kommentare aus der Szene, die seit Jahren heiße Diskussionen am Rossfeld hervorrufen.
An fast jedem Tag im Sommer, aber auch im Winter, kommen sie: die Poser, Raser, PS-Influencer und Tuner. Oben am Rossfeld posen sie vor der Kamera. Und das nicht nur mit ihren stehenden Schätzen am Parkplatz vor imposanter Bergkulisse, nein, sie wollen auch zeigen, was für tolle Hechte sie sind.
Dass am Samstag ein junger Mann sein Leben verlor, weil er in einer großen Gruppe immer wieder auf und abgerast ist, steht fest. Viele Zeugen, die sich auch im Nachgang bei der Redaktion meldeten, haben das bestätigt.
Seit Jahren warnen unzählige Gruppen und auch AKTIVNEWS berichtete immer wieder vom Rossfeld. Am 7. Juli 2023 war dann der schlimmste Unfall eingetreten, den man sich vorstellen konnte. Wiederum hatten sich hunderte Motorradfahrer dort oben getroffen und mit extrem waghalsigen und schnellen Fahrmanövern, die allesamt mit Handys und anderen Kamerageräten aufgezeichnet wurden, ihre Runden gedreht. Wanderer und Menschen, die den Sonnenuntergang genießen wollten, wurden zwangsläufig Zeugen dieses illegalen Events.
Im Endeffekt starb ein Motorradfahrer, ein Beteiligter verlor sein Bein und eine Familie, zwei Kinder, eine schwangere Mutter, wurde zum Teil schwerst verletzt.
Aber die Unfälle nehmen nicht ab: Nur 14 Tage später rast ein Mann mit seinem Motorrad nur wenige hundert Meter entfernt in den Wald und wird schwer verletzt. Das war der 23. Juli 2023, und in den folgenden Monaten passierten immer wieder Unfälle.
Eine Gruppe von Freunden, die mit ihren einzigartigen BMWs zum Rossfeld kommen, montiert dort die Kennzeichen ab und driftet dann für Videos. Ein BMW stürzt in den angrenzenden Bergwald und wird schwer beschädigt.
Konsequenzen wie in Österreich, wo die Fahrzeuge beschlagnahmt werden und die Menschen ihren Führerschein verlieren, gab es nicht, einzig ein Bußgeldverfahren.
Das Straßenbauamt ließ in den letzten Jahren den Fahrbahnbelag, gerade im Scheitelbereich der Rossfeldhöhenringstraße, erneuern. Nur wenige Wochen später waren sie schon da: die stummen Zeugen der Unvernunft. Drift-Spuren auf dem Asphalt zeigen, was meistens nachts dort oben passiert.
Im Winter ist es eine ähnliche Situation: Sobald Schnee fällt, kommen die Drifter und verwandeln das Rossfeld in eine illegale Rennstrecke.
Dass in dem letzten Winter ein junger Österreicher noch am Leben ist, verdankt er wohl nur dem stabilen, mit Stahlseil gesicherten Holzgeländer, in das er hineingedriftet ist. Dabei zerstörte er das Geländer und wurde einzig von dem Stahlseil vor einem mehrere hundert Meter tiefen Absturz bewahrt.
Die Szene reagiert wie immer: Sie versucht zu vertuschen, schleppt den PKW mit einem Pickup auf den Parkplatz, entfernt die Kennzeichen und haut ab. Anhand des zerstörten Fahrzeugs konnte später die Halterin des Fahrzeugs ermittelt werden und sie erfuhr dadurch, dass ihr Sohn den PKW so zerstörte und Unfallflucht beging.
Wenige Wochen später reist eine Gruppe Tennengauer mit einem großen Pick-up bei starkem Schneetreiben aufs Rossfeld. Im Fahrzeug befinden sich auch kleine Kinder und sie verwandeln das Rossfeld in eine Drift-Strecke. Die Polizei konnte sie stoppen und einen Platzverweis erteilen. Strafrechtliche Folgen gab es jedoch, deren Ergebnisse sind unbekannt.
Nun ist es wieder passiert: Die Wanderer und auch andere Biker bleiben am Unfallort stehen und sofort werden Theorien aufgestellt, wie das Unglück passiert sein könnte. Während einige verdutzt und schockiert sind, suchen andere nach Gründen, die diesen Unfall erklären. Da dürfte doch ein Reifen geplatzt sein, vielleicht ist ein Fußgänger über die Straße gelaufen. Nur wenige, die es versuchen, den Unfall zu rechtfertigen, sagen, da ist gerast worden.
Andere Biker hingegen sagen ganz klar, dass man zum Genießen kommt und der Genuss dort anfängt, wo man die Landschaft und Natur um sich herum auch erleben kann. Bei 100 km/h und mehr ist das nicht möglich. Was hat man dann davon? Dann kann man auf eine Rennstrecke gehen.
Stürzt man dort, geht es in den allermeisten Fällen glimpflich aus: Es gibt genug Sturzraum, andere werden nicht gefährdet und ja, die Maschine ist kaputt, aber man selbst ist am Leben.
